Gedankenbuch.

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Enge Grenzen

Ich habe jetzt einen Monat lang gearbeitet. Pro Woche 40 Stunden. Ein Hammer-Pensum. Jedenfalls für mich. Ich schaffe das auch. Irgendwie. Es ist zwar immer mehr „irgendwie“ als „schaffen“, aber ich kann ja nicht sagen, das hätte ich nicht schon vorher gewusst. Mein Gehalt liegt ein paar Cent über dem gesetzlichen Mindestlohn. Und schon wird in meinem Umfeld die Frage „Wieso tust du dir das eigentlich an?“ laut. Berechtigt? Ich bewege mich jeden Tag auf dem schmalen Grat zwischen „geht gerade noch so“ und „überfordert“. Ich muss mich selbst verdammt genau beobachten. Mein Körper sagt auf altbekannte Weise: „Pass auf!“ So viel Energie, wie ich verballere, kann ich mir gar nicht anfuttern. Würde ich mich wiegen, würde die Waage wahrscheinlich irgendwo im roten Bereich herumpendeln. Obwohl ich esse wie blöd.

Gleichzeitig muss ich im Job verdammt genau arbeiten. Aufpassen, dass nicht auffällt, wie wahnsinnig anstrengend ich die Interaktion mit meinen Kollegen finde. Denn alles, was man nicht sieht, ist Außenstehenden einfach sehr schwer verständlich zu machen. Dass das Wahrnehmen von Reizen und meiner Umgebung generell ein bewusster Prozess ist, der dementsprechend anstrengend ist.

Einmal schon musste ich sehr vehement sagen: Nein, das schaffe ich nicht. Ich würde gerne, aber das geht nicht.
Mein Arbeitgeber legt Wert auf ehrenamtliches Engagement und kooperiert deshalb mit zwei Organisationen in der näheren Umgebung. Finde ich ja super. Theoretisch. Jedoch wird von jedem Mitarbeiter erwartet, sich eine gewisse Stundenzahl eherenamtlich, also in der Freizeit, für einen dieser beiden Vereine zu engagieren. Arbeit mit Menschen. Nach Feierabend. Um Himmels Willen. Ich möchte dann oftmals noch nicht mal mehr telefonieren. Tja. Also musste ich meiner Vorgesetzten das Problem irgendwie begreiflich machen. Einem neurologisch völlig gesunden Menschen, der mit meinem Behinderungsbild noch nicht wirklich Berührungspunkte hatte, die größte, „unsichtbare“ Einschränkung erklären. Na bravo. Gestaltete sich ein wenig holprig. Dass sie es wirklich verstanden hat, zeigten ihre doch teilweise ziemlich irritierten Nachfragen. Na ja. Aber jedenfalls bin ich erstmal „aus dem Schneider“.

Ich habe schon überlegt, ob ich meine Arbeitszeit reduzieren könnte. Könnte ich. Bei meinem Gehalt könnte ich dann aber nicht mehr von meiner Arbeit leben. Ich sollte mich dringend schlau machen, ob es irgendwie die Möglichkeit gibt, die Arbeitszeit zu reduzieren und dann „aufzustocken“. Möchte ich zwar eigentich überhaupt nicht, aber das scheint die einzige Möglichkeit zu sein, wenn ich mich nicht kaputt arbeiten will. Und das werde ich auf keinen Fall tun.

Leider ist man mit meiner Arbeitsleistung anscheinend auch nicht zufrieden. „Sie erledigen im Moment nur einen Teil der Aufgaben, die Ihre Stelle umfasst. Und Sie brauchen dafür viel zu lange“, sagte man mir bereits in Woche 3. „Wenn Sie das Pensum nicht schaffen, müssen wir noch eine Stelle schaffen.“ Dann macht halt. Natürlich findet man sich sehr sozial, weil man Menschen mit Behinderungen einstellt. Aber wehe, diese können dann die erwarteten 200% Arbeitsleistung nicht erbringen… Ich arbeite genau so schnell, wie ich es kann, ohne mich komplett zu überfordern oder tausend Fehler einzubauen. Und das ist nun WIRKLICH nicht langsam. Ich baue auch mal ganz bewusste Pausen ein. Von ein oder zwei Minuten Dauer. Nicht viele. Nicht lang. Aber natürlich ist es sozial viel akzeptierter, alle zwei Stunden die obligatorische Raucherpause einzulegen… Vielleicht sollte ich damit anfangen. ._.

Morgen fange ich an meinem neuen Schreibtisch an. Mag mein Gewohnheitstier nicht. Zumal das neue Büro noch unruhiger wird als das jetzige… Man wird sehen. Ich beiß mich halt durch so gut ich kann.

Möglichst, ohne mit voller Wucht an meine Grenzen zu stoßen.

 

7 Kommentare

  1. O man, das ist echt Mist.

    Was ich total unmöglich finde, ist, dass echt „erwartet“ wird, dass man sich ehrenamtlich noch engagiert o.o Vor allem, wenn man in Vollzeit arbeitet o.o

    Ewig so weitergehen kann es ja irgendwie nicht, aber dass man sich nicht leichten Herzens für Reduzieren und Aufstocken entscheidet, versteh ich voll.

    Du solltest reich heiraten oder so o.o :’D

    <3

    • Jaa, das mit dem reich heiraten hat meine Mama auch schon vorgeschlagen. 😀

      Ich muss mal gucken, ob ich unter diesen Voraussetzungen überhaupt aufstocken kann oder ob ich wieder durch alle Raster falle. Wär‘ ja nicht das erste Mal. ._.

  2. Oje, das ist wirklich Mist. So doof es grade auch klingt – ich bin froh, beim Staat zu arbeiten. Auch wenn mir da mein „Krüppelstatus“ (Gehbehinderung, auch ein Spasti) zeitweise auf den Keks geht, man nimmt Rücksicht. Neurologisch bin ich sonst völlig ok aber deinen Arbeitgeber vestehe ich nicht. Nach Woche 3 (!) über langsames Arbeiten meckern, keine Rücksicht auf Bedürfnisse nehmen – die halt bei dir anders gelagert sind. Die sollten froh sein, dass sie jemanden haben, der sich Mühe gibt! Und nicht faul zuhause rumsitzt!
    Gibt es denn keine Möglichkeit, mal mit deinem Chef (oder Chefin) zu reden, um dich zu entlasten? Ruhigeres Büro? Pensium runterfahren? Ich habe Kollegen, die würden schon Pickel kriegen, wenn sie nur mit einem zweiten Kollegen ein Büro teilen müssten :-D. Und die sind gesund, mehr oder weniger… .
    Und die ehrenamtliche Tätigkeit… . Nein, dazu sage ich jetzt nichts. Das wäre nämlich nicht sonderlich nett,.

    Pass auf dich auf. Und ziehe, wenn nötig, die Notbremse. Aber bitte rechtzeitig <3

  3. Oh man, das klingt ja echt hart.
    Das mit dem ehrenamtlichen Engagement (also dass es erwünscht wird) kann ich schon verstehen, aber man muss doch auch die individuelle Situation seiner Angestellten berücksichtigen?! Wenn jemand ohnehin schon an seiner Belastungsgrenze kratzt, muss man da doch nicht noch mehr Druck aufbauen O.o Es gibt nunmal einfach gute Gründe, weshalb sowas nicht möglich ist – und dafür muss man noch nicht mal eine Behinderung haben, reicht ja auch, wenn man alleinerziehende Mutter ist oder einen angehörigen Pflegt, oder […].

    So hart das auch ist: Wahrscheinlich musst du da jetzt einfach so gut es geht durch :-/ Und dieser Job öffnet dir dann hoffentlich schon bald die Tür zu etwas besserem *Daumendrück*

    LG Hannah

  4. Oh jeh, das hört sich echt nicht gut an.

    Meine Meinung? Probezeit rumkriegen und dann bei voller Fahrt die Handbremse reinhauen und Dienst nach Vorschrift machen.

    Ich musste diese Woche auch an einen anderen Schreibtisch umziehen. Wie du mag Ich keine extrinsischen Veränderungen bei denen Ich kein Mitspracherecht habe, aber was will man machen.

    Das mit dem Umzug ist bei mir zum Glück aber auch das einzige „Problem“ an meinem Job.

    Ich hoffe dass auch du irgendwann einmal an diesen Punkt kommst und wünsche dir alles alles gute!

    Lass dich nicht unterkriegen.

    Grüße aus Dresden

    Philipp

  5. Hast du schon mal an die Beantragung eines Lohnkostenzuschusses beim Integrationsamt gedacht? Viele bei uns Beschäftigte mit Schwerbehindertenausweis haben das getan. Das bedeutet für sie, bei voller Arbeitszeit und vollem Gehalt nur eine reduzierte Arbeitsmenge zu bekommen. Für die reduzierte Arbeitsleistung erhält der Arbeitgeber diesen Zuschuss, den er dazu verwenden kann, die restliche Arbeit von einem zusätzlich eingestellten Mitarbeiter erledigen zu lassen – oder ihn einzukassieren und die Arbeit auf die anderen Mitarbeiter zu verteilen. Ok, die zweite ist nicht die gerechteste Lösung…

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