Gedankenbuch.

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Ideen und Denkanstöße

Ich möchte ganz, ganz, GANZ unbedingt meinen Job behalten. Und die Wohnung. Vor allen Dingen aber auch meinen momentanen Wohnort, da die hiesige Infrastruktur für Menschen ohne Auto ziemlich großartig ist. Also habe ich gestern und heute mit verschiedensten Menschen gesprochen, die in meine bisherige Arbeit irgendwie involviert waren oder es noch immer noch sind. Eine dieser Personen war meine ehemalige Praktikumsanleiterin, die mir damals tatsächlich beibrachte, meine Grenzen wahrzunehmen, sie zu wahren, aber auch mit ihnen zu arbeiten. Und mich immer wieder herausforderte, dabei aber auch zu jeder Zeit die Bremse zog, wenn es nötig war.  Beim Telefonat mit ihr kamen großartige Denkanstöße heraus, die ich nun meiner Vorgesetzten erklären und ausprobieren muss.

Ich werde sinngemäß zitieren.

 

„Schalte unnötige Reize aus! Versuch mal, eine Zeit lang mit Ohrstöpseln zu arbeiten und das dann ganz langsam immer weiter zu reduzieren…“

Das klingt im ersten Moment total schräg und nicht wirklich sozial kompatibel, aber ich werd’s ausprobieren müssen. Denn das ist es, was mir hauptsächlich den Akku leer lutscht, mir meine Konzentration raubt und mich fertig macht. Aktuell sitze ich in einem sehr unruhigen Durchgangsbüro. Rechts und links von mir telefonieren meine Kollegen – oft sogar gleichzeitig. Jeder, der in die beiden benachbarten Abteilungen will, muss durch mein Büro laufen, um zu seinem Ziel zu kommen. Oft lässt derjenige dabei die Tür auf, die in den Flur führt, also ballern mir die akustischen Reize von dort auch noch vors Hirn. Weil ich diese Reize nicht filtern kann, nehme ich das immer so war, als würde der Telefonierende direkt neben mir stehen. Ein ewiges Gerede, Gelaber und Geblubber. Acht Stunden lang. Mein Gehirn ist so damit beschäftigt, das alles wahrzunehmen und nach seiner Wichtigkeit zu sortieren, dass zum Teil die Kapazitäten für andere Dinge fehlen. Meine Kollegen geben sich noch immer sehr viel Mühe mit meiner Einarbeitung. Das finde ich wirklich toll. Allerdings nehme ich dabei nicht immer alle Erklärungen zu 100% wahr, weil mir durch den permanenten Geräuschpegel einfach die Kapazität fehlt, alles aufzunehmen und zu verarbeiten. Das führt dann wieder zu teilweise sehr seltsamen und unnötigen Fehlern meinerseits, die verständlicherweise für Unmut unter den Kollegen sorgen… :/

Also schreib alles mit, was man dir erklärt. Wirklich alles.

Muss ich tun. Allein schon als Absicherung für mich selbst.

Ich versuche mittlerweile – so „unauffällig“ wie es eben geht – Kommunikation zu vermeiden, weil es auch sehr anstrengend ist, andauernd Smalltalk zu betreiben. Oder ich versuche Probleme erstmal selbst zu lösen, obwohl ich auch einfach kurz nachfragen könnte. Natürlich ist das sehr ungünstig. Bis gestern sah ich allerdings keine andere Möglichkeit…
Wenn ich abends manchmal noch ein kleines Bisschen länger bleibe, um noch eine Aufgabe fertig zu stellen und alles still ist, atmet mein Gehirn auf und ich könnte tatsächlich noch ein paar Stunden weiter arbeiten. Gefühlt könnte ich dann Berge versetzen und Bäume ausreißen. Ungelogen.

Du wirst nie schnell arbeiten können. Allein schon von der Motorik her nicht. Das hätte denen aber im Vorstellungsgespräch und beim Probe arbeiten auffallen müssen.

Sehr beruhigend, dass das jemand, der mich sehr gut kennt, genau so sieht. Auch wenn’s natürlich keine „neue“ Erkenntnis ist…

Und das Wichtigste zum Schluss:

Es liegt NICHT an Dir! Wie ich dich kenne, reißt Du Dir den Arsch auf. Deine Behinderung setzt Dir Grenzen, die sie akzeptieren müssen, wenn sie dich beschäftigen wollen.

Danke.

 

7 Kommentare

  1. Die Situation auf der Arbeit klingt wirklich alles andere als toll! Ich kann mir vorstellen, dass es in so einem Durchgangsbüro auch für nichtbehinderte Menschen schwer ist sich zu konzentrieren. Wie es dann für dich ist, will ich mir gar nicht ausmalen! Daher meine erste spontane Idee, die mir beim Lesen kam: Gibt es IRGEND eine Möglichkeit in ein anderes Büro umzuziehen? Ich behaupte einfach mal, du hast mit deinem Problem ein sehr starkes Argument für ein Einzelbüro oder zumindest ein ruhigeres (was ja nicht sonderlich schwer zu finden sein sollte). Wenn der/die Chef/in nicht darauf eingeht, einfach mal von deinen starken Arbeitsleistungen während Alleinsein erzählen 🙂

    Bei uns auf der Arbeit gibt es einen sog. „Schwerbehindertenvertreter“ oder auch „Vertrauensperson der Schwerbehinderten“. Der regelt solche Dinge direkt mit dem Chef ohne, dass ich Sorge um Konsequenzen und/oder schwere Gespräche haben müsste. Mir steht es dabei frei jederzeit den Grad meines involviert-seins zu bestimmen.

    Ich wünsche dir alle Kraft der Welt und dass die Ohrstöpselmethode zumindest solange erfolgreich ist bis eine langfristige Lösung gefunden wurde. Denn ich finde zwar, dass es eine sehr gute Methode ist, aber wie deine Praktikumsanleiterin sagte „Das hätte denen aber im Vorstellungsgespräch und beim Probe arbeiten auffallen müssen.“ und so finde ich, ist auch dein Arbeitgeber in der Pflicht, dir das Arbeiten so erträglich wie möglich zu gestalten!

  2. Die Tipps, die du bekommen hast, klingen gut und das, was du schreibst sehr reflektiert!
    Ich finde deine Einstellung super und für mich kam der Post gerade im richtigen Moment. Auch wenn ich keine Behinderung habe, neige ich manchmal dazu, Situationen einfach als gegeben zu akzeptieren und zu schnell den Rückzug anzutreten, statt ernsthaft überLösungsansätze nachzudenken. Also danke für den kleinen Tritt, liebe Wusel 😉

  3. Deine Arbeitssituation wäre für mich nix. Durchgangsbüro, Dauergeblubber, dauerndes Durchgelaufe… . Und ich habe keine Probleme mit der „Filterung der Eindrücke“. Doch auf die Dauer ist das ermüdend. Und eine Fehlerquelle dazu. Ich bin fast durchgedreht, als in unserem (ehemaligen) Dreierbüro auch noch (zeitlich begrenzt) andere Leute einzogen. Da war an Arbeiten nicht mehr zu denken! Und es gab keine Rückzugsmöglichkeit mehr (ok, außer das Klo :-))
    Da bewundere ich dich echt!
    Jetzt habe ich ein Zweierbüro mit einem sehr angenehmen Gegenüber (der sowohl die Klappe halten kann als auch nicht auf den Mund gefallen ist ;-)). Fazit: passt.
    Dem ersten Kommentator stimme ich bei seinen Aussagen zu – bis auf eine Sache: Die Schwerbehinderungsvertretung. Bei uns ist das ein, Verzeihung für den Ausdruck, Sauhaufen! Die kümmern sich nicht um die Anliegen sondern agieren nach dem Motto: Wenn der Beamte nicht weiterweiß, bildet er einen Arbeitskreis… .
    Falls es bei dir so etwas gibt, überlege dir gut, ob du diese Institution in Anspruch nimmst. Ich würde ein persönliches Gespräch mit meinem Chef führen – aber mein Chef ist auch sehr verständnisvoll.
    Wenn ich ein was gelernt habe in meiner Zeit als Teil der „arbeitenden Bevölkerung“, dann ist es das: 1. Stelle dein Licht nicht unter den Scheffel und 2. du willst was haben/brauchst etwas/bist unzufrieden? Sag es! Und zwar deutlich! Auch wenns schwerfällt…
    Bin gespannt, wie es bei dir weitergeht.

  4. Ich musste auch von einem Zweierbüro, in dem einer an der Kundenstrippe hing in ein Viererbüro in dem vier telefonieren umziehen. Bei mir ist eher das Problem dass Ich den Kunden an der Leitung dann „nicht höre“ wenn zu viel Geplapper drumrum ist. Ich habe da schon immer eine Konzentrationsschwäche wenn viele Geräusche sich überlagern.

    Geh das wirklich an und gehe offensiv damit um dass es anderster nicht geht. Wenn dein Chef dich kennt und deine Arbeit zu schätzen weiss findet sich siecher eine Lösung.

    Grüße aus Dresden

    Philipp

  5. Liebe Wusel
    oh je. Das ist – in aller Deutlichkeit – ein Arbeitsplatz, der nicht an die Bedürfnisse der Arbeitnehmerin angepasst ist.
    Die Tips deiner Bekannten sind schon sehr gut.

    Darüberhinaus möchte ich dir Mut machen, deinen Arbeitsplatz mit professioneller Hilfe so gemeinsam mit deinem Arbeitgeber zu gestalten, dass du die Arbeit besser machen kannst. GERADE bei Reizüberflutung kann soviel mit klassischen „kleinen“ ergonomischen getan werden. Lärmschutz. Sichtschutz. Türzu. Klare Gesprächszeiten.

    Ich sage nicht (und glaube auch nicht), dass du danach 40h arbeiten kannst, ohne körperlich dafür den Preis zu zahlen. Aber: Du wirst deine Arbeit besser machen können ni der Zeit, in der du Kraft für Arbeit hast. Und holt euch Hilfe rein. Ergonomische Beratung. Integrationsberatung.
    Alles Gute und pass auf dich auf – niemand gewinnt, wenn du zusammen klappst

  6. Ich danke euch allen sehr für eure Erfahrungen,, Denkanstöße, den Zuspruch… 🙂 Ich werde aus Zeitgründen nicht auf jeden Kommentar einzeln eingehen, aber habe alles gelesen und es mir zu Herzen genommen. Viele hilfreiche Tips habe ich ebenfalls rausziehen können.
    Danke! 🙂

  7. hmpf
    scheint kein professioneller Arbeitgeber gewesen zu sein. Anstelle sich auf deine Situation einzustellen, haben sie die bequeme Abkürzung genommen
    (das ließe sich auch deutlich unfreundlciher schreiben, aber ich hab heut mal nen Netten Tag ohne Fluchwörter, soll ja auch mal sein).

    Ich ärger mich. Für dich. Und weil hier scheinbar Inklusion äääääächt für die Grütze war. Wieso geben sie dir einen lauten Durchgangsarbeitsplatz? Was bitte soll das, der/die Scheffe sitzt ja auch nicht im Durchgangszimmer, oder? Mehr zu weiternen Ideen im Folgetxt von dir.

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