Ich hab keine Ahnung, ob ich das, was mir zu diesem Thema seit Wochen im Kopf herumgeistert, jetzt geordnet „aufs Papier“ bekomme. Wenn nicht, seht es mir bitte nach. Wenn doch, freut euch, dass dieser Text hoffentlich leichter zu lesen sein wird.

Grenzen. Jeder Mensch hat sie. Persönlich, physisch, psychisch.. Sie sind immer existent, jedoch nicht unverrückbar. Niemals an jedem Tag gleich. Also muss man sie immer wieder neu ausloten, sich mit ihnen vertraut machen, mit ihnen arbeiten.

Ich weiß nicht, wie es ist, ohne körperliche Beeinträchtigungen zu leben. Dennoch lehne ich mich jetzt mal ganz weit aus dem Fenster und behaupte, dass gerade physische Grenzen für Menschen mit Behinderungen eine weitaus größere Rolle spielen und wesentlich präsenter sind, als es bei „Gesunden“ der Fall wäre.  Diese Grenzen zu erkennen, mit ihnen zu arbeiten, sie zu wahren, ist ein Lernprozess. Erst einmal stellt man irgendwann fest: Oh, da geht es jetzt nicht weiter! Und entweder findet man Lösungen, um die Grenze zu umgehen, zu überwinden oder das daraus resultierende Problem zu lösen… oder man lebt mit dieser Grenze und gesteht sie sich zu. Das ist etwas, das meiner Meinung nach gerade unsere heutige Leistungsgesellschaft lernen muss. Das hat nichts mit Aufgeben oder schwach sein zu tun. Sondern mit Selbstakzeptanz. Und gottverdammtem Realismus. Das geht nicht von heute auf morgen. In meinem Fall war das ein jahrelanger Prozess. Ich glaube, dieser wird auch nie ganz abgeschlossen sein.

Ich bin mittlerweile in der priveligierten (!) Situation, dass meine langjährigen Freunde diesen Prozess zu einem großen Teil begleitet haben, vielleicht sogar ein Stück weit mit involviert waren und hineingewachsen sind. Sie wissen genau, dass ich lange geplante Treffen manchmal absagen muss, auch wenn es mir noch so Leid tut. Dass ich mehr Pausen brauche, schneller erschöpft  bin, „spezielle“ Bedürfnisse habe. Diejenigen die nach dieser Erkenntnis (JA, war es tatsächlich!) neu hinzugekommen sind, wurden direkt über das „Wieso, weshalb, warum?“ aufgeklärt und machen ihre Sache bisher ziemlich großartig. <3

Dennoch stoße ich gerade im erweiterten Familien- und Bekanntenkreis häufig auf Unverständnis und leider auch Unverschämtheiten. Ja, richtig gelesen. Ich empfinde es mittlerweile als verdammt unverschämt, wenn Menschen mir erzählen, dass ich mich „doch nicht so anstellen“ soll, ich dies und das doch eigentlich echt mal hinkriegen müsste, sie „auch mal müde“ sind,  Andere mit einer Behinderung dies und jenes ja auch schaffen… Schön. Bringt mir nix. Und überhaupt habe ich mir das ja ausgesucht und es macht mir seit fast 24 Jahren einen unglaublichen Spaß, oft bei Unternehmungen nicht dabei sein zu können, Menschen relativ spontan versetzen zu müssen oder hektisch früher von Treffen mit Freunden oder Partys zu verschwinden, weil sie mich gerade tierisch auspowern oder ich die Energie dafür schlicht nicht mehr habe. Yep, ich könnte mir nichts Schöneres vorstellen. Mit seltsamen „Mut-Mach-Versuchen“ (?), komischen Vergleichen und Unterstellungen könnte ich Bücher füllen.

Ich habe absolut nichts dagegen, dass jemand meine Grenzen hinterfragt. Aber bitte respektvoll, mit dem Bewusstsein, dass sie real sind. Sie lassen sich weder wegdiskutieren, noch bringt es etwas, sie zu ignorieren und zu hoffen, dass sie sich so in Luft auflösen.

Grenzen sind so individuell wie real. Sie können sich sehr schnell verändern. Liebe Menschen, bitte bedenkt das. Habt die Grenzen eures Gegenübers auf dem Radar, scheut euch nicht, sie zu erfragen und respektiert sie.